Edelstahl-Werkstoffe

V2A, V4A oder Duplex am Boot: Welcher Edelstahl für welchen Einsatz?

V2A (1.4301) gehört an Bord nur dorthin, wo kein Salzwasser hinkommt. Für Beschläge an Deck ist V4A, bei Schrauben A4 genannt, der Standard: Gut 2 Prozent Molybdän machen den Stahl deutlich beständiger gegen Lochfraß. Duplex 1.4462 lohnt sich, wo hohe Last und warmes Salzwasser zusammentreffen, etwa bei Ankerkette, Schäkeln und Spannschlössern im Mittelmeer, in der Karibik und auf Blauwasserfahrt.

Steel-Deal Ratgeber · aktualisiert am · Lesezeit 5 Minuten

Segelyachten am Liegeplatz in einem Hafen mit klarem Wasser

Das Wichtigste in Kürze

  • V2A und V4A sind Sammelbegriffe. Maßgeblich ist die Werkstoffnummer, zum Beispiel 1.4401 oder 1.4404 für V4A.
  • Die Wirksumme PREN beschreibt die Beständigkeit gegen Lochfraß. Für 1.4404 nennt das Werkstoffdatenblatt 23,1 bis 28,5, für Duplex 1.4462 30,9 bis 38,0.
  • Duplex hat mindestens 450 MPa Dehngrenze, 1.4404 mindestens 200 MPa. Eine Duplex-Ankerkette trägt deshalb bei gleichem Durchmesser deutlich mehr.
  • Eine genormte Bezeichnung V6A gibt es nicht. Wer Duplex sucht, achtet auf die Werkstoffnummer 1.4462.
  • Schrauben und Beschläge sollten aus derselben Güte bestehen; verzinkter Stahl und Aluminium gehören nicht direkt an Edelstahl.

Was V2A, V4A und Duplex bedeuten

Die Kürzel stammen aus dem Jahr 1912. Damals gelang es, Chrom und Nickel so mit einer Wärmebehandlung zu verbinden, dass ein korrosionsbeständiger und zugleich gut verformbarer Stahl entstand. V stand für Versuch, A für Austenit. V2A bezeichnet seither die Chrom-Nickel-Stähle, V4A die Chrom-Nickel-Molybdän-Stähle. Die Informationsstelle Edelstahl Rostfrei ordnet V2A typischerweise die Werkstoffe 1.4301, 1.4307 und 1.4541 zu, V4A die Werkstoffe 1.4401, 1.4404 und 1.4571. Sie rät ausdrücklich, die Kürzel nicht in Bestellungen zu verwenden, weil sie nicht eindeutig sind.

Eindeutig ist die Werkstoffnummer. Bei Schrauben, Muttern und Beschlägen begegnen Ihnen außerdem die Stahlgruppen nach DIN EN ISO 3506: A2 steht für die V2A-Gruppe, A4 für 1.4401, A4L für 1.4404 und A5 für 1.4571. Das L steht für den niedrigen Kohlenstoffgehalt.

Duplex ist eine eigene Familie. Das Gefüge besteht aus zwei Phasen, Austenit und Ferrit, daher der Name. Weit verbreitet ist der Duplex-Stahl 1.4462. Im Handel heißt er auch Duplex D6, in den technischen Daten steht zusätzlich AISI 318LN. Er enthält mehr Chrom und Molybdän als V4A, weniger Nickel und dazu Stickstoff.

Eine Werkstoffbezeichnung V6A gibt es in keiner Norm. Taucht der Begriff auf, hilft der Blick auf die Werkstoffnummer: Für den klassischen Duplex steht 1.4462.

Der Vergleich in Zahlen

Die folgende Tabelle stellt V4A in der Ausführung 1.4404 und Duplex 1.4462 gegenüber. Beide Werkstoffe finden Sie im Shop als Ankerkette in identischer Geometrie, was den direkten Vergleich weiter unten erlaubt.

V4A und Duplex im Werkstoffvergleich

KennwertV4A, 1.4404 (A4L)Duplex, 1.4462 (D6)
Gefügeaustenitischaustenitisch und ferritisch
Chrom16,5 bis 18,5 %21,0 bis 23,0 %
Nickel10,0 bis 13,0 %4,5 bis 6,5 %
Molybdän2,0 bis 2,5 %2,5 bis 3,5 %
Stickstoffhöchstens 0,1 %0,10 bis 0,22 %
Wirksumme PREN23,1 bis 28,530,9 bis 38,0
Dehngrenze Rp0,2mindestens 200 MPamindestens 450 MPa
Zugfestigkeit Rm500 bis 700 MPa650 bis 880 MPa
Dichte8,0 kg/dm³7,8 kg/dm³
Meerwasser 20 °C laut DatenblattGefahr von Lochkorrosionbeständig

Werte nach DIN EN 10088 Teil 3, lösungsgeglüht, aus den Werkstoffdatenblättern der Swiss Steel Group für 1.4404 und 1.4462.

V2A, typischerweise 1.4301 mit rund 18 Prozent Chrom und rund 10 Prozent Nickel, enthält kein Molybdän. Er ist beständig gegen kurzzeitigen Kontakt mit Salzwasser, bei längerer Einwirkung ist V4A die richtige Wahl. An Bord bleibt V2A deshalb auf trockene Bereiche unter Deck beschränkt.

Wirksumme PREN: die Kennzahl gegen Lochfraß

Salzwasser greift Edelstahl selten flächig an. Typisch ist Lochfraß: punktförmige Angriffe dort, wo Chloride die schützende Passivschicht durchbrechen. Wie gut ein Stahl dem widersteht, beschreibt die Wirksumme, englisch Pitting Resistance Equivalent Number, kurz PREN. Sie wird aus der Zusammensetzung berechnet:

PREN = % Chrom + 3,3 × % Molybdän + 16 × % Stickstoff

Molybdän zählt also mehr als dreifach, Stickstoff sechzehnfach. Daraus erklären sich die Unterschiede: V2A ohne Molybdän liegt deutlich unter V4A, Duplex mit mehr Chrom, mehr Molybdän und Stickstoff deutlich darüber. Die Werkstoffdatenblätter halten für Meerwasser bei 20 °C fest: Für 1.4404 besteht Gefahr von Lochkorrosion, 1.4462 ist beständig. Für technische Anwendungen in Meerwasser wird nach den Unterlagen der Informationsstelle Edelstahl Rostfrei üblicherweise eine Wirksumme über 34 bis 35 verlangt.

Warum hält A4 an Deck trotzdem seit Jahrzehnten? Weil Beschläge an Deck nicht dauerhaft im Wasser liegen. Regen und Süßwasser spülen die Chloride ab, Luft erneuert die Passivschicht. Kritisch wird es, wo Salzwasser dauerhaft stehen bleibt, wo Spalten entstehen und wo es warm ist. Die Lochfraßgefahr steigt mit der Temperatur.

Welcher Edelstahl wohin an Bord

  • Unter Deck, trocken: V2A genügt für Griffe, Haken und Halter, die kein Salzwasser sehen.
  • An Deck: A4 ist der Standard für Klampen, Augplatten, Schäkel, Karabiner, Relingsbeschläge und Schrauben. Nach Fahrten im Salzwasser mit Süßwasser abspülen.
  • Ankergeschirr und hoch belastete Verbindungen: Duplex für Ankerkette, Schäkel und Verbindungsglieder, besonders in warmen Revieren und bei langen Liegezeiten vor Anker.
  • Stehendes Gut, Spannschlösser, Drahtseile: A4 für Binnenrevier und Küste mit regelmäßiger Pflege, Duplex für Langfahrt und warmes Salzwasser.
  • Schwarze Optik: Die Marinetech Blackline besteht aus A4 mit schwarzer Oberfläche. Mehr dazu im Artikel Schwarzer Edelstahl an Bord.

Verbinden Sie Edelstahl nicht direkt mit verzinktem Stahl oder Aluminium. In feuchter Umgebung korrodiert dann das unedlere Metall an der Kontaktstelle. Schrauben, Muttern und Scheiben gehören in derselben Güte wie der Beschlag an Bord.

Festigkeit: Was Duplex bei gleichem Durchmesser trägt

Duplex ist außerdem fester. Die Dehngrenze liegt mit mindestens 450 MPa mehr als doppelt so hoch wie bei 1.4404 mit mindestens 200 MPa. Wie sich das an einem echten Bauteil auswirkt, zeigen die beiden kurzgliedrigen Ankerketten im Shop. Sie haben dieselbe Teilung und Breite und unterscheiden sich nur im Werkstoff:

Ankerkette ähnlich DIN 766: A4L (1.4404) und Duplex (1.4462) bei gleichem Durchmesser

KettenstärkeBruchlast A4LBruchlast DuplexDuplex mehrArbeitslast A4LArbeitslast Duplex
6 mm3.000 kg3.850 kg+28 %750 kg900 kg
8 mm5.300 kg6.700 kg+26 %1.250 kg1.600 kg
10 mm8.500 kg10.800 kg+27 %2.000 kg2.500 kg
13 mm12.500 kg18.000 kg+44 %3.200 kg4.250 kg
16 mm20.000 kg26.000 kg+30 %5.000 kg6.300 kg

Werte aus den technischen Daten der Ketten im Shop. Beide Ketten sind kurzgliedrig und orientieren sich an DIN 766.

Bei gleichem Durchmesser trägt die Duplex-Kette in jeder Größe deutlich mehr. Weil die Kettenmaße gleich sind, passt sie auf dieselbe Kettennuss. Mehr dazu im Artikel Duplex-Ankerkette für warme Gewässer.

Wann sich Duplex lohnt

Duplex ist teurer als A4 und lohnt sich deshalb gezielt dort, wo seine beiden Stärken zusammenkommen:

  • warmes Salzwasser, etwa im Mittelmeer, in der Karibik oder auf Blauwasserfahrt
  • Bauteile, die lange im Wasser oder in feuchter Umgebung liegen, wie Ankerkette und Kettenverbindungen
  • hohe Dauerlast oder Stoßlast, etwa am Anker im Schwell
  • Bauteile, die schwer zu prüfen oder zu tauschen sind

Für Karabiner an Fendern und Flaggen, für Persenningbeschläge oder für Teile, die regelmäßig gespült werden, bleibt A4 die wirtschaftliche Wahl.

Den Werkstoff am Artikel erkennen

Jeder Marinetech-Artikel im Shop nennt in den technischen Daten Werkstoff und Werkstoffnummer: Edelstahl A2 (AISI 304) mit 1.4301, Edelstahl A4 (AISI 316) mit 1.4401, Edelstahl A4L (AISI 316L) mit 1.4404 und Edelstahl Duplex D6 (AISI 318LN) mit 1.4462. Wählen Sie bei einer Ausführung die Variante, erscheinen ihre Werte direkt auf der Produktseite. Bei Sprenger steht der Werkstoff im Produkttext.

Häufige Fragen

Ist V4A meerwasserbeständig?

Nur eingeschränkt. Das Werkstoffdatenblatt für 1.4404 nennt für Meerwasser bei 20 °C eine Gefahr von Lochkorrosion. An Deck bewährt sich A4 trotzdem, weil Regen und Spülen mit Süßwasser die Chloride entfernen. Für Bauteile, die dauerhaft in warmem Salzwasser liegen, ist Duplex 1.4462 die beständigere Wahl.

Was ist V6A?

V6A ist keine genormte Werkstoffbezeichnung. Verlässlich ist allein die Werkstoffnummer. Für den klassischen Duplex-Edelstahl lautet sie 1.4462, bei Marinetech Duplex D6 genannt.

Ist A4 dasselbe wie V4A?

Im Alltag ja. A4 ist die Stahlgruppe für Verbindungselemente nach DIN EN ISO 3506 und steht für 1.4401; A4L steht für 1.4404 mit niedrigerem Kohlenstoffgehalt. Beide gehören zur Gruppe, die als V4A bezeichnet wird.

Kann ich Duplex und A4 an Bord kombinieren?

Ja. Achten Sie dabei auf die Last: Die Verbindung ist so stark wie ihr schwächstes Teil. Wer eine Duplex-Ankerkette fährt, sollte Schäkel und Verbindungsglieder so wählen, dass sie die Kette nicht schwächen. Wie das geht, steht im Artikel Ankerkette mit Schäkel und Wirbel verbinden.

Quellen und Normen

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